Auf Wiedersehen Hamburg

Der Abreisetag
Susan’s Gedanken nach dem ersten Marathon

Guten Morgen Hamburg heißt es heute vorerst zum letzten Mal. Der Himmel ist grau, es regnet ein wenig und irgendwie macht das Wetter einen bedrückten Eindruck. Mir geht es auch ein wenig so, heißt es doch Abschied nehmen von dieser wunderbaren Stadt, an die ich nun – nachdem ich meinen allerersten offiziellen Marathon hier gelaufen bin, einmal mehr gerne denken werde.

Es war eine großartige, eine wunderbare Zeit hier und obwohl sich alles Denken und Tun praktisch nur um diesen einen Lauf drehte, hatte es was von Urlaub. Irgendwie bin ich fast ein wenig erstaunt darüber, dass dieses Großereignis alle meine gedanklichen und körperlichen Kapazitäten gebündelt hat. So, als würde das ganze Leben aus nichts anderem bestehen – zumindest in diesem Augenblick, diesen Tagen hier. Das „normale“ Leben war ganz weit weg, so fokussiert war ich auf mein Ziel. Selten konnte ich bis heute im Leben Dinge so ausblenden. Vielleicht konnte ich es überhaupt noch nie in diesem Maße.

Gestern Abend lag ich im Bett und dachte an einen Lauftrainer-Kollegen. Lieber Sören Link, als Du letztes Jahr im Oktober zum Halbmarathon in Köln und bei uns zu Gast warst haben wir uns viel unterhalten. U.a. über das „Museum des Lebens“, darüber, dass wir alle dafür selbst verantwortlich sind unser Museum mit möglichst vielen schönen Bildern zu füllen, die wir – irgendwann am Ende angekommen – gerne betrachten werden. Das hier, dachte ich, das hier ist so ein Bild. Es war der perfekte Moment, die totale Zufriedenheit, das greifbare Glück und gestern Abend plötzlich war es so präsent, als hätte ich es in die Hände nehmen können. Ich bin so dankbar.

Und dann dachte ich an das große Ganze, daran welches Glück ich in meinem Leben habe und immer schon hatte. Wie gut es das Leben mit mir gemeint hat mit seinen verschlungenen Wegen, die nicht immer klar vor mir lagen, von denen ich oft nicht wusste wohin sie führen. Manchmal waren sie geprägt von einer klaren Zielsetzung – aber eher selten. Nicht immer waren sie einfach, oft genug waren die Umstände es nicht oder ich habe sie mir selber unnötig schwer gemacht. Am Ende eines Weges oder eines Streckenabschnitts jedoch war immer alles gut und meistens konnte ich ein wunderbares Bild in mein Museum tragen.

So flossen meine Gedanken gestern dahin und ich dachte an Emil Zatopek und seinen bekannten Spruch „Willst Du laufen, so lauf eine Meile. Willst Du aber ein neues Leben, dann lauf Marathon“. Diesen Spruch hatte ich all die Jahre im Kopf, in denen ich den Wunsch eines Tages mal Marathon zu laufen, in mir und vor mir her trug. Für mich mal wieder wenig erstaunlich, dass meine Bebe  mir just diesen Spruch als Karte bei meiner Abreise nach Hamburg mitgab. Sie wusste zwar nicht, dass Zatopeks Worte so viele Jahrzehnte in mir waren aber – wie immer – wählte sie intuitiv den Spruch, der mich innerlich antrieb. Bebe… sie ist einfach wunderbar. Was hatte ich für ein unglaubliches Glück ihr begegnen zu dürfen. Sie ist immer Kraft, immer Halt, sie ist Freude…sie ist so viel für mich. Das Leben ohne sie ?? Unvorstellbar mittlerweile.

Willst Du ein neues Leben, dann lauf Marathon. Ich war so unheimlich gespannt darauf, was Zatopek meinte, wollte wissen, was es mit MIR macht. Nun sind seit dem Zieleinlauf rund 40 Stunden vergangen und so ganz allmählich tropft das Wissen darum in mein Herz und in mein Bewusstsein. Ich denke, dass das, was mit einem passiert, sehr individuell ist. Fakt ist, dass etwas passiert. Schwer in Worte zu fassen und sicher sowieso auch sehr persönlich, fast intim. Doch kann ich trotzdem sagen, ein Effekt ist, dass Relationen sich verschieben,mancher Gedanke, manches Gefühl sich einen neuen Platz sucht, Wichtiges und Unwichtiges sich neu sortiert. Ferner glaube ich, dass dies ein Prozess ist, der Tage, Wochen, Monate, vielleicht Jahre oder gar das ganze Leben andauert. Einen neuen Blick erlaubt dieses Ereignis in jedem Fall…

An dieser Stelle endet mein Susan’s goes Marathon – Tagebuch und ich sage DANKE. Danke für Eure Aufmerksamkeit, für Eure Begleitung. Danke, dass ich all das hier erleben durfte. Nun ist es Zeit ein neues Ziel zu definieren…

Ich werde ein würdiges finden um irgendwann das nächste wundervolle Bild in mein Museum zu tragen.

Bis dahin – bleibt uns treu !