Der Tag danach – Der Rückblick

42 km sind echt lang…
Susan’s Gedanken nach dem ersten Marathon

Montag, der 30.04.2018. Es ist der Tag nach dem Hamburg-Marathon. Wieder mal sitze ich draußen und das nette Mädel vom Service hat mir heimlich den ersten Kaffee gemacht, der mir erst ab 8.00 Uhr zusteht. Selten war ich dankbarer für einen Kaffee als jetzt, in diesem Moment. So sitze ich in der Ruhe des noch jungen Tages, die Welt um mich herum erwacht so ganz allmählich in dieser Stadt, die ich so sehr mag. Wieder einmal stelle ich für mich fest wie wunderschön Hamburg ist.

Ich lasse den gestrigen Tag Revue passieren, den Lauf… Gestern um diese Zeit lagen sie noch vor mir, diese 42,195 km, die tatsächlich ganz schön lang sind.
Im Trainingsmarathon, den wie vor ca. 4 Wochen gelaufen sind, kamen sie mir gar nicht so lang vor und er verursachte auch keine Probleme in den Gräten.
Heute hingegen schmerzen meine Beine schon arg. Bei jeder Bewegung kollabieren Quadrizeps links und rechts. Ich hatte mit Problemen in der Hüfte oder der Achillessehne gerechnet – aber nein, die vordere Oberschenkelmuskulatur ist mir richtig böse. Aber wenn es weiter nichts ist…
Schon erstaunlich was es ausmacht 30-40 sec. auf den km schneller zu laufen. Der Kraftaufwand ist tatsächlich ungleich größer.

Rückblickend bin ich immer noch überrascht wie gelassen ich diesen Marathon angetreten bin. Tiefenentspannt war ich gestern bis zum Start, kein Stress, keine Hektik, keine Angst, keine Zweifel. Ich war mental unfassbar gut aufgestellt und ich denke, es war clever rechtzeitig anzureisen. Es war gut, dass ich einen Tag Zeit hatte hier anzukommen und mich gedanklich einzustellen auf das war vor mir lag.

Entgegen aller Planung habe ich doch 5 Löffel Müsli gegessen um 6.00 Uhr. Ob das eine schlaue Entscheidung war vermag ich nicht zu sagen. Offensichtliche Probleme hatte ich dadurch jedenfalls nicht. Vielleicht wäre ich schneller gewesen, wäre der Magen nicht so voll gewesen :-)) ?!? Gregor kam um kurz vor acht zum „Frühstück“. Auch er trank kurz einen Kaffee und aß einige wenige Löffel Müsli. Dann machten wir uns los zum Bus. Wir waren zeitlich perfekt vor Ort, konnten das, was zu tun war in Ruhe erledigen, obwohl die Wege lang waren. Für die Abgabe des Kleiderbeutels z.B. mussten wir einen gefühlten ersten Marathon absolvieren. Zwei Toilettengänge für jeden von uns. Kompliment an Hamburg. Die Orga hier ist der der Kölner deutlich überlegen ! Nahtlos ging es zur Aufstellung in die Startblöcke. Gregor „E“ und ich „F“. Kurz danach startete auch schon Block A. Wenige Minuten später durfte auch ich die Startlinie überqueren. Auch das ging zügig. In Köln dauerte es pro Startblock deutlich länger trotz geringerer Teilnehmerzahl.

Ja, und dann ging es los. Ich trabte an und da wurde mir erst bewusst was los war. Ich passierte km 1 und dachte „noch 41 km“. Geplant war eine Durchschnittspace von 5:15 min/km. Die ersten 5 km lief ich irgendwie wie in Trance. Es lagen so viele km vor mir, dass es sinnlos war sich Gedanken darüber zu machen. Erste Zwischenzeit nach 5 km: 26:38 min. Ich lag also rund 5 sec. / km unter Plan – was für die ersten 5 km OK und richtig war. Die 10 km hatte ich nach 53:01. D.h. mit 5:18 min/km lag ich immer noch knapp unter meiner angestrebten Durchschnittspace. Das war nicht so geplant 🙁 aber ich wusste, dass ich rund 10 km brauche um mich einzugrooven. Nach 15 km waren 1:19:12 h ins Land gegangen – also 5:16 min/km. Noch immer war ich der Meinung, dass ich am Ende des Laufes wenigstens die 3:45 h knacken kann. 20 km nach 1:47:07… Bis zum Halbmarathon, den ich nach 1:53 h erreicht hatte, sah ich diese Endzeit als möglich an. Doch danach wurde schnell klar, das gibt nix mehr. Zunächst dachte ich wenigstens unter 3:50 h bleiben zu können, doch die Kräfte schwanden, es war warm, ich musste (zu) oft trinken und das fraß sukzessive meine Zeit auf. Schließlich war es egal. Die Zielzeit war längst abgehakt… Nur die Blöße womöglich über 4 Stunden zu brauchen wollte ich mir wirklich nicht geben. Immer wieder gab es km, wo ich dachte „jo, läuft wieder“, dann wieder nicht… Ich kämpfte mich ab km 36 vorwärts, von Wasserstation zu Wasserstation…. 7 km noch, Susan,.. 6 km noch… 5 km noch… Die Strecke nahm kein Ende am Ende. Schließlich km 40 ! Das endgültige Ende dieses Wahnsinnslaufes vor Augen blieben immer noch 2195 m zu absolvieren. Man soll es nicht glauben wie lang die werden können. Dann um die letzte Kurve – in die Zielgrade… Irgendwo, da ganz hinten, das Ziel im Blick… der rote Teppich…nur noch ein kurzes Stück. Dann durch’s Ziel. Du hörst auf zu laufen und es fühlt sich ganz seltsam an…so unwirklich… die Menschenmassen…der Sprecher…alles ist so laut und in Dir ist’s ganz leise. Eigentlich fühlt man sich, als müsse man stehen bleiben und sich sortieren…wo bin ich, was ist hier los aber die immer weiter ins Ziel laufenden Menschen machen das unmöglich. Du musst weiter gehen, immer weiter…irgend jemand drückt mir meine Medaille in die Hand, dann kommen die Futterbuden… Wasser, Bananen, Äpfel, Melone, Brühe, Salzbrezel…. ich will und brauche das alles nicht. Ich will nur weg, will Ruhe, will mich wiederfinden und verstehen…

Bei der Abholung meines Kleiderbeutels treffe ich Gregor wieder. Wir fangen an uns gegenseitig unsere Zeiten zu erzählen, wie der Lauf war… Wir sprechen wenig, nur das Nötigste und machen uns schließlich auf den Rückweg ins Hotel. Gregor meinte, es wäre gut für Gräten und Muskeln, wenn wir die 4 km bis zum Hotel gingen. So taten wir. Ich persönlich wäre auch um einen fahrbaren Untersatz nicht böse gewesen 😉

In der Ruhe meines Hotelzimmers komme ich so ganz langsam bei mir an. Eine heiße Dusche, eine sehr lange heiße Dusche, später sind mir auch meine Muskeln nicht mehr SO böse und das normale Leben kann allmählich wieder aufgenommen werden.

Rückblickend kann ich sagen, dass es mir den ganzen Lauf über gut ging. Natürlich war ich erschöpft und das früher als mir lieb war. Ein richtig mega-Lauf, wie in Köln, war es nicht. Warum auch immer aber ich hatte auch keine Probleme. Der gefürchtete „Mann mit dem Hammer“ blieb mir erspart, kein Unterzucker, keine gravierenden Schmerzen, keine Herz-Kreislauf-Probleme… Luft zu basch. Erstaunlich eigentlich. Bis ?? km 40 atmete ich ziemlich normal. Auch die Herzfrequenz war und blieb wirklich gut. Ich war WIRKLICH gut trainiert an den Start gegangen, das konnte ich merken, das beruhigte mich. Danke Gregor !

Winfried – mein „Weltmeister-Onkel“ sagte mal, dass die meisten Hobbyläufer beim Marathon starten, die zwar gut auf die halbe aber nicht auf die volle Distanz vorbereitet sind. Ich denke er hat recht. Zu viele konnte ich scheitern sehen unterwegs. Bei mir war das anders. Ich war gut vorbereitet auf diese magischen 42,195 km, auf die Königsdisziplin. Warum es trotzdem nicht lief ? Ich vermag es nicht zu sagen. Außer der Temperatur (viel zu warm für mich) fällt mir kein nachvollziehbarer Grund ein. Auch der Mentaltrainer in mir hat einen riesen Job gemacht, der Ernährungsberater in mir hat ebenfalls nicht versagt. – Manchmal ist es einfach nur Tagesform… nicht zu ändern. Vorzuwerfen habe ich mir nichts und so nehme ich es als Geschenk, dass ich gut und gesund und wenigstens unter 4 Stunden ins Ziel gekommen bin.

Gregor plante gestern beim Abendessen unsere Trainings- und Wettkampf- Strategie für den Marathon in Köln im Oktober. GEH MIR WEG !!! Darüber ist in diesem Moment mit mir noch nicht zu sprechen. Ich finde Halbmarathon ist doch auch eine schöne Distanz !